Ganzheitliches Raumverständnis

"Raum ist ein sich verdichtendes Kontinuum -

eine implizierte Ordnung, die das Körperliche mit dem Geistigen verbindet."  nach Böhm, 1985

Das ganzheitliche (holistische) Verständnis begreift die Erde mit all ihren Lebewesen als lebendigen Organismus, der körperliche, seelische und geistige Potenziale in sich vereint. In diesem Sinne verbindet das ganzheitliche Raumverständnis die physisch-sichtbaren mit den psychisch-unsichtbaren Dimensionen des Lebens und widmet sich der  Wahrnehmung, Erfahrung und Interpretation der Beziehungen zwischen Raum und Mensch. Bezogen auf ihre Potenziale lassen sich der Landschaftsraum wie der bebaute Raum in drei Ausdrucksformen gliedern und entsprechend wahrnehmen.

körperlicher Ausdruck

ästhetisch-atmosphärischer Ausdruck

noosphärischer Ausdruck


Körperlicher Ausdruck

 

Naturwissenschaftlich betrachtet wird der Raum körperlich und stofflich verstanden. Physisch bildet er einen dreidimensionalen Körper mit Länge, Breite und Höhe und wird zum Gefäß wie zum Ort der Orientierung –  körperlich – substanziell – messbar. Dabei bleibt der Körper in seinem Ausdruck nicht unbeweglich, sondern verändert im Laufe der Zeit seinen Charakter indem er  seine Entwicklungsgeschichte fortschreibt. Organisch betrachtet verbinden Stoffkreisläufe alle Lebewesen miteinander und sorgen so über Nahrungs- und Atmungskreisläufe für ein ökologisches Miteinander, das die naturräumlichen Grundlagen der Landschaft mit den Pflanzen, Tieren und Menschen zusammenführt und zu einen ganzheitlichen Organismus werden läßt. Die Umwelt wird zur Mitwelt, in der sich die seelisch-geistigen Impulse im Zuge der Evolution des Lebens körperlich verdichten und ausdrücken.

Karmeliterplatz in Graz, 2015
Karmeliterplatz in Graz, 2015

Ästhetisch-atmosphärischer Ausdruck

"Alles was geschieht, ist symbolisch, und indem es sich selbst darstellt, deutet es auf das Übrige."

Johann Wolfgang von Goethe

 

Äußere Bilder werden über die Wahrnehmung ästhetischer Potenziale zu inneren Bildern und als Erfahrungen im Unbewussten des Menschen gespeichert. Landschaftserlebnisse werden zu Erfahrungsmustern und besitzen persönlichen wie kollektiven Charakter. Wir Menschen stehen also nicht nur räumlich und stofflich mit der Welt in Verbindung, sondern über die Formen, Farben, Klänge, Gerüche, … der Landschaft auch in ästhetischer Wechselwirkung  mit ihr. Dieses Verständnis von Ästhetik basiert auf der sinnlichen Wahrnehmung und setzt ihren Fokus auf die einzelnen Sinnesqualitäten. Tastsinn – Sinn für die Schwerkraft – Bewegungssinn – Sinn für die Schwerkraft – Gleichgewichtssinn – Wärmesinn – Geruchssinn – Geschmacksinn – Gehörsinn – Sehsinn.

Atmosphäre ergänzt die sinnlich-ästhetische Wirkung des Raumes, indem sie sinnesübergreifend wirkt. Stimmungen entstehen in uns und die Landschaft selbst wird zum Identitätsträger für den Menschen.  Atmosphäre bezeichnet dabei die synthetische Einheit der ästhetischen Erfahrung. Stets ist der raumprägende Gesamteindruck, das Fluidum, die Aura oder die Stimmung eines Ortes gemeint. Und so lässt sich Atmosphäre erst in der eigenen Betroffenheit verstehen, in der sich eine Gefühlsbeziehung auslöst. Der Mensch berührt den Raum und wird zum Mitgestalter der Atmosphäre. In diesem Sinne bezeichnet Atmosphäre das „…Mehr, das umausgedrückt bleibt, das wir aber uneins damit spüren“ (Tellenbach, 1968).

Filzmoos, 2016
Filzmoos, 2016

Noosphärischer Ausdruck

"Durch alle Wesen reicht der eine Raum: Weiteninnenraum. Die Vögel still durch uns hindurch.

O, der ich wachsen will, ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum"

Rainer Maria Rilke

 

Die Noosphäre bildet sich aus der Lebenskraft und der seelisch-geistigen Information, welche jedem Lebewesen und jedem Ort innewohnt. Dabei ist das  Noosphärische physisch primär nicht sichtbar, sondern stets eine Qualität der Erfahrung, die ein über die Sinne hinausgehendes Gesamterlebnis darstellt (PierreTeilhard de Cardin, 1959). David Bohm (1985) spricht in diesem Zusammenhang von implizierter Ordnung, die das Körperliche mit dem Geistigen verbindet. Raum besitzt demnach Bewusstsein, welches als Informationsträger und evolutionäre Intelligenz aller Lebensprozesse zu verstehen ist.  Dabei steht das Bewusstsein des Raumes in Analogie zum Vital-, Emotional- und Mentalfeld des Menschen. Im menschlichen Kontext manifestieren sie sich als soziale Felder und durchströmen als unsichtbare Abdrücke unserer Aktivitäten den noosphärischen Raum.  Im Miteinander von Mensch, Tier und Pflanze und eingebettet in die kulturräumlichen Grundlagen sind sie zusammen mit dem naturräumlich bedingten Seelenraum Ausdruck der Bewusstseinsfelder des Lebens.

Filzmoos, 2016
Filzmoos, 2016